Predigt
Seiner
Eminenz
Kardinal
Giovanni
LAJOLO
(Mariazell,
8.
Dezember
2010)
Hochwürdiger
Pater
Superior!
Liebe
Mitbrüder
im
priesterlichen
und
diakonalen
Dienst!
Liebe
Wallfahrer
hier
in
der
Basilika
von
Mariazell!
Brüder
und
Schwestern
im
Glauben,
liebe
Mitchristen!
Sehr
gerne
bin
ich
heute,
am
Hochfest
der
Unbefleckten
Empfängnis,
mit
Ihnen
allen
zum
Festgottesdienst
in
der
wunderbaren
Basilika
von
Mariazell
versammelt.
Dieses
marianische
Hochfest
hier
im
Nationalheiligtum
Österreichs
begehen
zu
dürfen,
erfüllt
mich
mit
großer
geistlicher
Freude!
Im
Hören
auf
das
Wort
Gottes
wollen
wir
gemeinsam
das
Festgeheimnis
verinnerlichen
und
in
der
Gemeinschaft
mit
unserem
Heiligen
Vater
Papst
Benedikt
XVI.
und
mit
der
ganzen
Kirche
Gottes
Heilshandeln
preisen
und
ihm
für
die
Erwählung
Marias
zur
Mutter
unseres
Herrn
Jesus
Christus
danken.
Gottes
Wort,
das
uns
die
Kirche
vorlegt,
bietet
uns
drei
Anhaltspunkte,
um
zu
verstehen,
welcher
Platz
dem
Festgeheimnis
zukommt,
wo
es
in
unserem
Leben,
im
Leben
der
Kirche
und
im
Erlösungswerk
Jesu
Christi,
des
einzigen
Retters
aller
Menschen,
verortet
ist.
1.
Der
erste
Anhaltspunkt
aus
dem
Buch
Genesis
nimmt
Bezug
auf
die
Erbsünde,
auf
die
Widerspenstigkeit,
zu
der
sie
beim
Menschen
gegenüber
Gott
führte
und
auf
die
unheilvolle
moralische
Unordnung,
die
daraus
für
die
Geschichte
der
Menschen
und
für
jeden
Sohn
Adams
folgte.
Maria
ist
davor
bewahrt
geblieben.
Den
zweiten
Anhaltspunkt
bieten
uns
in
der
zweiten
Lesung
die
Anfangsworte
des
zweiten
Epheserbriefes.
Darin
geht
es
um
eine
allgemeine
Berufung
zur
Heiligkeit
und
Tadellosigkeit
gegenüber
Gott
durch
das
Wirken
Jesu
Christi.
Dieser
Plan
Gottes,
den
er
bereits
vor
Erschaffung
der
Welt
gefaßt
hatte,
hat
sich
auf
vollendete
Weise
in
Maria,
dem
erwählten
Werkzeug
der
göttlichen
Gnade,
verwirklicht,
damit
er
sich
auch
an
uns
vollziehen
könne.
Im
Evangelium
nach
Lukas
wird
schließlich
der
dritte
Anhaltspunkt
ausgeführt.
Es
ist
der
Dreh-
und
Angelpunkt,
auf
dem
die
ganze
Umsetzung
des
göttlichen
Heilsplanes
beruht,
nämlich
die
Menschwerdung
des
Sohnes
Gottes
aus
der
Jungfrau
Maria.
Bei
der
Feier
der
Unbefleckten
Empfängnis
der
Jungfrau
Maria
handelt
es
sich
also
nicht
bloß
um
eine
abstrakte
Wahrheit,
sondern
im
Gegenteil
um
eine
Wahrheit,
die
wesentlich
zu
unserer
menschlichen
Geschichte
in
ihrer
ganzen
Entwicklung
gehört,
von
den
ersten
Anfängen
bis
zu
ihrer
Erfüllung.
2.
Beginnen
wir
beim
ersten
Anhaltspunkt.
Dem
Vater
der
Lüge,
der
von
Jesus
als
„Mörder
von
Anfang
an"
bezeichnet
wird
(vgl.
Joh
8,44),
ist
es
mit
seinem
Betrug
den
Stammeltern
gegenüber
nicht
gelungen,
den
wunderbaren
Plan
Gottes
über
die
Bestimmung
des
Menschen
zu
vereiteln.
Denn
Gott
hatte
ein
Geschöpf
erwählt,
das
diesem
Ziel
vorzüglich
dienen
sollte:
Maria.
In
der
quälenden
Geschichte
der
Menschheit,
im
Kampf
zwischen
der
Nachkommenschaft
der
Frau
und
der
Sippe
des
Bösen,
ist
es
keinem
Menschen
je
gelungen,
sich
ganz
dem
Tribut
der
Erbsünde
zu
entziehen.
Nicht
nur
im
auserwählten
Volk,
sondern
auch
unter
den
Heiden,
gab
es
leuchtende
und
erhabene
Gestalten
mit
großem
Herzen
und
weitem
Geist.
Denken
wir
zum
Beispiel
an
die
Glanzgestalten
des
auserwählten
Volkes,
an
Abraham,
an
Moses
oder
an
David.
Doch
über
keinen
von
ihnen
kann
man
sagen,
er
sei
nie
kraft
der
Sünde
der
Herrschaft
des
Bösen
unterworfen
gewesen.
So
bezeugt
es
die
Bibel
selbst.
Bei
Maria
jedoch
ist
genau
dies
der
Fall.
Vom
ersten
Augenblick
ihrer
Empfängnis
an
im
Leib
ihrer
Mutter,
blieb
sie
bewahrt
für
die
Herrschaft
des
Lichtes
und
die
reine
Liebe
zu
Gott.
Im
Evangelium
haben
wir
gehört,
wie
der
Engel
Gabriel
sie
als
voll
der
Gnade
bezeichnete.
Der
griechische
Ausdruck
des
Evangeliums
lautet
κεχαριτωμένη.
Das
bedeutet
eigentlich
angefüllt
mit
und
ganz
und
gar
voll
der
Gunst
(Gottes).
In
Maria
findet
sich
jene
Gnade,
jene
übernatürliche
Schönheit,
nach
der
sich
alle
Menschen
im
tiefsten
ihres
Herzen
stets
sehnten.
Eine
Schönheit,
die
sich
nicht
auf
anmutige
Gesichtszüge
bezieht
und
auch
nicht
auf
intellektuelle
Fähigkeiten
des
Menschen,
sondern
auf
die
Reinheit
des
Geistes
und
des
Herzens,
auf
die
Keuschheit
des
Leibes,
auf
die
wahre
und
barmherzige
Liebe
gegenüber
dem
Nächsten
und
auf
die
Fähigkeit,
sich
hinzugeben
und
sich
aufzuopfern.
Maria
verwirklicht
diesen
vollkommenen
Plan
mit
der
Menschheit,
den
Gott
schon
immer
für
den
Menschen
erdacht
hat
und
der
auch
unsere
Herzen
spüren
läßt:
ein
Geschöpf
als
Ab-
und
Ebenbild
Gottes.
In
Maria
sehen
wir
das
Spiegelbild
Gottes,
und
über
sie
freut
sich
der
Schöpfer.
Sei
gegrüßt,
du
Begnadete!
3.
Kommen
wir
nun
zum
zweiten
Anhaltspunkt,
den
ich
erwähnt
habe.
Das
Geheimnis
der
Unbefleckten
Empfängnis
Mariens
steht
als
Höhepunkt
der
allgemeinen
Berufung
zur
Heiligkeit
in
einer
unauflöslichen
Beziehung
zum
Geheimnis
der
Kirche,
und
von
daher
zu
jedem
einzelnen
von
uns.
Die
Kirche
setzt
sich
ganz
und
gar
aus
Sündern
zusammen.
Das
muß
gar
nicht
erst
bewiesen
werden.
Da
wir
zunächst
einmal
reumütige
Sünder
sind,
schlagen
wir
uns
zu
Beginn
jeder
Heiligen
Messe
an
die
Brust
und
bekennen,
aus
eigener
Schuld
gesündigt
zu
haben.
Doch
als
Glieder
der
Kirche
sind
wir
zur
Heiligkeit
berufen.
Kirche
-
ecclesia
-
bedeutet
zusammengerufen
von.
Von
Gott
sind
wir
gerufen,
und
Gott
beruft
uns
vom
Sünder-sein
zum
Heilig-sein.
Wir
haben
es
im
Brief
an
die
Epheser
gehört:
Gott
hat
uns
in
Christus
erwählt
vor
der
Erschaffung
der
Welt,
damit
wir
heilig
und
untadelig
leben
vor
Gott
zum
Lob
seiner
Herrlichkeit
und
Gnade.
-
Wir
können
nun
nicht
behaupten,
den
Anforderungen
dieser
Berufung
gerecht
zu
werden.
Wir
würden
lügen,
wenn
wir
es
behaupten
wollten
(vgl.
1Kor
1,8-10).
Doch
wenn
wir
unseren
Blick
auf
Maria
richten,
können
wir
sagen,
daß
in
ihr,
der
Tochter
Adams
und
Evas,
unserer
Schwester,
die
Antwort
auf
Gottes
Ruf
durch
eine
besondere
Gnade
Gottes
vollständig
und
vollkommen
war.
Anders
als
die
Stammeltern
war
Maria
ein
Geschöpf
des
Glaubens,
der
Hoffnung
und
der
Liebe.
Und
dies
nicht
nur,
weil
Maria
auf
das
Wort
Gottes
gehört
und
es
mehr
als
irgendwer
sonst
gelebt
hat,
sondern
weil
sie
vom
tiefsten
Grund
ihres
Seins
her
offen
für
Gott
war.
So
ist
sie,
wie
uns
das
II.
Vatikanische
Konzil
auf
den
Spuren
der
Kirchenväter
in
Erinnerung
gerufen
hat,
die
vollkommene
Ikone
und
das
Urbild
der
Kirche.
Sie
ist
unser
Vorbild;
in
ihr
hören
wir
Gott,
der
uns
ruft
(vgl.
II.
Vatikanum,
Sacrosanctum
Concilium,
53-63).
Auf
Maria
können
wir
also
mit
Bewunderung
und
sogar
mit
Stolz
blicken:
Sie
ist
die
Frau,
welche
die
Ehre
der
Menschheit
wieder
neu
erworben
und
wiederhergestellt
hat.
In
der
Novene
zur
Unbefleckten
Empfängnis
singen
die
Gläubigen:
Tota
pulchra
es,
Maria,
et
macula
originalis
non
est
in
te...
Tu
honorificentia
populi
nostri!
„Ganz
schön
bist
du,
Maria,
und
in
dir
ist
kein
Makel
der
Erbsünde.
...
du
bist
die
Ehre
unseres
Volkes".
4.
Allerdings
ist
es
erst
der
dritte
Anhaltspunkt,
der
uns
die
tiefere
Bedeutung
des
Festes,
das
wir
heute
feiern,
enthüllt.
Es
handelt
sich
darum,
daß
die
Beziehung
zwischen
der
Unbefleckten
Empfängnis
der
Gottesmutter
und
der
Geschichte
der
Menschheit,
der
Kirche
und
uns,
ganz
und
gar
von
der
einzigartigen
Beziehung
zwischen
Maria
und
Christus,
dem
Retter
der
Menschen,
und
seinem
Erlösungswerk
abhängt
und
bestimmt
wird.
Maria
wurde
durch
den
so
liebevollen
Ratschluß
Gottes
vom
ersten
Augenblick
ihres
Daseins
an
dem
gemeinsamen
Erbe
der
Sünde
entzogen,
denn
aus
ihr
sollte
der
Sohn
Gottes,
Jesus
Christus,
unser
Erlöser,
seine
Menschheit
empfangen.
Aus
dem
Unbefleckten
Herzen
Mariens
kam
die
demütige
und
zugleich
entschlossene
Antwort,
die
dem
Sohne
Gottes
die
Tür
zur
Menschheit
geöffnet
und
ihn
zu
einem
Teil
unserer
Geschichte
gemacht
hat.
„Siehe,
ich
bin
die
Magd
des
Herrn!
Mir
geschehe
nach
Deinem
Wort!"
Angesichts
solcher
Ergebenheit
an
den
Plan
ihrer
göttlichen
Mutterschaft,
den
der
Engel
ihr
verkündet
hat,
bewahrte
Gott
sie
in
seinem
unerforschlichen
Ratschluß
der
Liebe
für
die
Menschen
vor
der
Erbsünde
und
setzte
sie
in
vollkommene
Harmonie
zu
der
göttlichen
Wirklichkeit
der
Liebe
und
des
Lichtes.
Mehr
noch:
Wie
der
Glaube
uns
lehrt,
wollte
Gott
es
so
in
Voraussicht
der
Verdienste
des
Leidens
und
Todes
seines
Sohnes.
Dies
ist
das
Geheimnis
der
gebenedeiten
Menschheit
Christi
-
von
seiner
Empfängnis
im
jungfräulichen
Schoß
Marias
bis
zum
Opfer
seiner
selbst
am
Kreuz
zur
Erlösung
der
Menschen
-,
die
sich
widerspiegelt
in
der
Menschheit
Mariens,
sie
vor
der
Sünde
bewahrt
und
mit
Gnade
erfüllt.
Auf
diese
Weise
ist
Maria
die
Ersterlöste
und
die
vollkommen
Erlöste,
in
der
sich
die
ganze
Erlösungskraft
Jesu
Christi,
ihres
Sohnes,
erweist.
In
Maria
herrscht
Gott
allein
in
der
vollkommenen
Freiheit
des
menschlichen
Willens,
der
ganz
auf
Gott
als
auf
die
volle
Wahrheit
und
höchste
Liebe
gerichtet
ist,
ohne
die
kleinste
Beeinträchtigung
durch
das
Böse.
Darin
liegt
der
Sieg
Gottes
durch
Jesus
Christus.
Auf
diese
Weise
erscheinen
die
Unbefleckte
Empfängnis
Mariens,
also
ihr
Bewahrtsein
von
der
Erbsünde
vom
ersten
Augenblick
ihrer
Existenz
an,
die
Geburt
Christi
aus
der
Jungfrau
Maria,
also
seine
Verbrüderung
mit
unserem
Menschsein,
und
sein
Kreuzesopfer
für
unsere
Erlösung
als
ein
„Triptychon
der
Gnade",
in
unteilbarer
Einheit
und
ganz
ausgerichtet
auf
die
Verwirklichung
der
Berufung
aller
Menschen
zur
Heiligkeit.
Gottes
Plan
mit
Maria
war
nichts
anderes
als
ein
wunderbares
Spiegelbild
seines
Erlösungsplanes
durch
Christus,
damit
wir
als
erwählte
Kinder
des
himmlischen
Vaters
der
Macht
der
Sünde
entzogen
werden
und
in
die
ausgebreiteten
Arme
der
Liebe
Gottes
zurückgeführt
würden,
um
mit
Christus
Erben
zu
sein
und
somit
teilzuhaben
an
seinem
Leben,
seinem
Lobpreis
und
seiner
Glorie.
5
Liebe
Brüder
und
Schwestern:
Es
ist
gewiß
kein
Zufall
und
nicht
ohne
Bedeutung,
daß
wir
das
Fest
der
Unbefleckten
Empfängnis
in
zeitlicher
Nähe
zu
Weihnachten
feiern.
Maria
ist
der
leuchtende
Stern
des
Advents!
Sie
ist
die
Morgenröte,
die
das
volle
Licht
der
Sonne
vorauskündet,
das
sie
selbst
als
erste
empfängt
und
weiter
ausstrahlt.
Deswegen
geht
von
dem
heutigen
Fest
eine
große
Freude
aus!
Freude
und
Bewunderung
der
Kirche
und
jedes
einzelnen
Gläubigen
bei
der
Betrachtung
des
Heilswerkes,
das
Gott
in
Maria
gewirkt
hat.
Ein
Werk,
das
voll
von
Weisheit,
Liebe
und
Schönheit
ist.
Von
daher
ist
sie
die
reine
Freude
des
Glaubens!
Aus
dieser
Freude
geht
dann
auch
eine
tiefe
Dankbarkeit
hervor.
Mit
Maria
sind
wir
vereint
im
Liebesplan
Gottes
für
die
Menschen.
Maria
ist
der
glanzvolle
Anfang
des
Heiles
in
Christus,
das
Gott
auch
für
uns
bestimmt
hat.
All
dies
kann
nicht
ohne
Antwort
und
Anstrengung
von
unserer
Seite
bleiben:
allgemeine
Anstrengung
der
ganzen
Kirche,
aber
auch
individuelle
Anstrengung
eines
jeden
einzelnen
von
uns.
In
diesem
Advent,
in
dem
wir
uns
auf
Weihnachten
vorbereiten
-
und
auch
sonst
-
möge
uns
Maria
begleiten
und
darin
beistehen,
dem
Ruf
Gottes
zu
folgen,
ganz
in
Christus
zu
leben,
frei
von
der
Sünde
und
so
frei
für
die
Liebe
zu
Gott
und
zum
Nächsten
zu
sein.
Auf
daß
auch
wir
heilig
und
untadelig
leben
vor
Gott,
zum
Lob
seiner
Herrlichkeit.
Amen.
Es
gilt
das
gesprochene
Wort!
Pontifikalamt
in
der
Basilika
Mariazell
am
8.
Dezember
2010
Hochfest
der
ohne
Erbsünde
empfangenen
Jungfrau
und
Gottesmutter
Maria
Predigt
Seiner
Eminenz
Kardinal
Giovanni
LAJOLO
Präsident
des
Gouverneursamtes
des
Staates
der
Vatikanstadt
URL: