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Volk Gottes, mach Dich bereit

Hochfest der ohne Erbsünde empfangenen Jungfrau und Gottesmutter Maria, Stephansdom, Wien, 8. Dezember 2005

 

 

 Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus! (2Kor 1,2)


Liebe Brüder und Schwestern, Eminenz, hochwürdigster Herr Kardinal!


Mit tiefer Dankbarkeit bringe ich meine Freude zum Ausdruck, daß ich heute hier im Dom zu Sankt Stephan zum ersten Mal der Kirche Österreichs, vertreten durch die Erzdiözese Wien, begegnen kann. Danke Eminenz, Herr Erzbischof, daß Sie mich eingeladen haben. Danke für die freundlichen Worte und den so brüderlichen Gruß!


Mit Liebe und Freude begrüße ich die Kirche, die hier in Wien und in ganz Österreich mit dynamischer Lebendigkeit tätig ist. Ich grüße die Priester und die Diakone, die Ordensmänner und -frauen und alle, die für das Geheimnis Christi in den Dienst der Kirche gestellt sind. Ich grüße Euch alle, liebe Brüder und Schwestern mit dem heiligen Kuß, in der Liebe Christi.


Es ist besonders erfreulich für mich, daß mein erstes Treffen mit der österreichischen Kirche ausgerechnet auf den 8. Dezember fällt und ich Euch im Dom von Sankt Stephan begegnen darf.


Genau heute vor vierzig Jahren beendete Papst Paul VI. auf dem Petersplatz das Zweite Vatikanische Konzil, ein Konzil der Kirche in der Welt mit Hoffnung und Sorge, ein Konzil der Verkündigung des Wortes Gottes, als Heil und Freude für die Welt. Ein Konzil der Nächstenliebe und der Einheit der Kirche. Der Kirche, die wie die Weisheit auf die Straßen der Welt geht und die Menschen, die einfachen und ehrlichen, zum Hochzeitsmahl des Herrn, zur Nachfolge Christi ruft, der für alle Weg, Wahrheit und Leben ist.


Genau heute und genau in dieser Stunde zelebriert auch Papst Benedikt XVI. am selben Platz und zur selben Stunde die Heilige Messe, wo vor vierzig Jahren Papst Paul VI. die Lehre und die Botschaft des Zweiten Vaticanums mit Glanz, Hoffnung und Ehre durch seine Kirchenlehrer, geweihten Männer und Frauen, aber auch durch die Laien den neuen Generationen der Kirche, den Regierenden, Intellektuellen, Künstlern und Arbeitern, den Armen und Kranken und auch den Jugendlichen anvertraut hat.


Was die Kirche, ihre Hirten und das Gottesvolk in vierzig Jahren getan haben, können nur die Geschichte und die weltweite Dimension der Kirche erzählen. Ich danke den Hirten und den Gläubigen, den Professoren und Gelehrten, die neulich in Wien an die Magnalia Dei erinnert haben, die dem Menschen durch das Konzil in einem langen Weg der Erneuerung der Kirche, semper reformanda, geschenkt wurden.


Wir sind jetzt hier im Stephansdom. Stephanus ist jener Heilige, der erfüllt vom Heiligen Geist, die Herrlichkeit Gottes und Jesus zur Rechten Gottes stehen sah. (Apg 7,54-55). Vom Heiligen Vater gesandt, treten mir in diesem Tempel der Ruf und der Glanz der österreichischen Kirche vor Augen, die Erinnerungen an ihre Heiligen, die Lebendigkeit ihrer Mitglieder und die Treue ihrer Töchter und Söhne zum wahren Glauben.


Dieses wunderbare Gebäude ist nichts anderes als ein Vorbild der sakramentalen Anwesenheit Christi in der Welt. Der Glanz und die Schönheit des Bauwerkes, der Reichtum der Kunst und die Vielfalt der Meisterwerke, die den Dom mit ihren Schatten und Lichtern schmücken, die Sicherheit der Mauern und die Trägheit der Steine, die mit ihren geschwungenen Bögen und den senkrechten Säulen das schöne Gewölbe tragen, sind das Sinnbild der lebendigen Kirche, ihrer Allianz zwischen Gott und dem Menschen, um der Welt Heil und Hoffnung zu geben. Wie alle architektonischen Elemente einen Bogen zum Auge schaffen, so sehnt sich auch die menschliche Kirche mit ihren Mängeln und Fehlern, aber auch mit ihren Vorzügen, nach den himmlischen Verheißungen. Das ist die Gemeinde Gottes, die aus heiligen und sündigen Menschen, aus Männern und Frauen, Jungen und Alten, Starken und Kranken besteht. Diese Kirche ist aber auch mit reichen Gnaden ausgestattet und verzeiht ihren Söhnen und Töchtern immer wieder ihre Schuld und Sünden.


In diesen vierzig Jahren der Nachkonzilszeit haben wir erfahren, wie viel Wert vor Gott lebendige und dynamische Menschen und Christen haben und was für eine Rolle sie in der Kirche Christi spielen. Hat Papst Benedikt XVI. in Köln nicht gesagt, daß die Kirche immer jung und lebendig ist? So kann sich die Kirche präsentieren mit ihrer Schuld und ihren Fehlern, aber auch mit ihren Werken und Wundern, mit ihrer Mission und ihrer Fähigkeit, den Menschen Hoffnung und geistliche Ruhe zu geben. Schwach und unvollkommen, aber auch großzügig und mutig ist die Kirche.


Wie kann ich bescheidener Diener und Vertreter des heiligen Petrus unter Euch heute an diesem für mich so bewegenden Festtag nicht an die Worte des Heiligen Vaters Benedikt XVI. denken, die er vor kurzem an seine österreichischen Brüder im Bischofsamt gerichtet hat, Worte voller Realismus und Ermutigung, sehr klare und entschiedene Worte? Ja, liebe Brüder und Schwestern, der Heilige Vater hat mit entschiedener Klarheit gesprochen, mit Klarheit, denn die Kirche hat nicht vor ihren Schattenzonen Angst. Mit Mut hat er gesprochen, weil die Kirche aus Licht und Schatten zugleich besteht, wie diese Säulen, die das Kirchenschiff des Domes mit eleganter Dynamik tragen. Deshalb darf sie nicht durch die Kritik des Heiligen Vaters verunsichert sein, denn, wie Benedikt XVI. zu den Bischöfen sagte: In der Gewißheit der Gegenwart des Herrn blicken wir mutig der Realität ins Auge. Die Gewißheit der Gegenwart heißt, unsere Schuld zu erkennen, aber auch unsere Eigenheit, unsere Mission, unsere Rolle und unseren Einsatz für die Gesellschaft und für die Menschen neu zu entdecken.


Heute noch mehr als je zuvor kann die Kirche der Welt eine Antwort geben. Christus ist die Antwort. Christus ist der Weg, die Wahrheit und das Leben, der in seiner Kirche lebt und wirkt. Die Klarheit und die Schönheit des katholischen Glaubens ist es, was das Leben der Menschen heute hell macht, betonte in Rom unser Wiener Erzbischof, Kardinal Christoph Schönborn. Es ist so, weil der katholische Glaube zu Christus führt. Aber Christus steht an der Tür und wartet darauf, daß man ihm aufmacht. Christus, wie die Schrift erklärt, befindet sich vor der Türe (Weish 6,13), er erscheint freundlich und spricht zum Herzen wie auch zum Geist. Er muß auf allen Wegen erkannt werden. Er ist besonders in seiner Kirche erfahrbar. Die Kirche ist sein Sakrament und sein Testament. Ihr ist es aufgetragen, ihn in gelegenen und ungelegenen Momenten, opportune et inopportune, zu verkündigen.


Die Verkündigung der Frohen Botschaft ist ihre Aufgabe, ihre dringende Mission. Darum braucht die Kirche das Wort und spricht mit Klarheit, auch wenn dadurch die Schönheit der Frohbotschaft in den Hintergrund gerät und sie dadurch riskiert, bei vielen Menschen unpopulär zu wirken. Die Kirche braucht alle ihre Töchter und Söhne, um die Mitmenschen zu erreichen. Ihr Wort wäre nicht vollständig, sondern trocken, wenn es nicht dem Wort Gottes entspringen würde. Das Wort Gottes ist Christus, der mit dem Vater in der Einheit des Heiligen Geistes lebt. Man kennt ihn durch das innere Gespräch der Seele, durch das Gebet, die Betrachtung und die Stille. Man muß ihn aber auch bezeugen. Sind wir nicht alle zum Lob Seiner Herrlichkeit bestimmt? (Eph 1,12)


Fürchte Dich nicht, Maria! Fürchte Dich nicht, Kirche. Steh auf und geh zu Deinen Bekannten und Verwandten in der Welt und erzähle weiter, daß der Herr Deine Niedrigkeit groß gemacht hat. Die Erzählung der Magnalia Dei braucht unsere Gaben und unser Engagement, um die Früchte des Glaubens zu vermehren. Es ist nicht wichtig, ob wir eine, zwei oder zehn Gaben mitbringen. Wichtig ist nur, daß die Bilanz positiv ist. Gott sei es gedankt, daß es in der österreichischen Kirche viel großzügigen und positiven Einsatz unter den Brüdern und Schwestern gibt. Dafür müssen wir danken und Gott durch die Fürsprache des heiligen Stephanus und dem Geschenk der Allerseligsten Gottesmutter die Ehre geben.


Wir wissen, daß sich Gott suchen und finden läßt. Er hat Maria vor der Erbsünde bewahrt, damit sie, die kleine Magd, eines Tages von seinen großen Taten künden konnte. Ja, liebe Brüder und Schwestern, die Botschaft dieser Liturgie am Hochfest Mariä Empfängnis, in der Erinnerung des Konzils, lädt uns alle auf den Weg in diese Welt ein, damit wir die Botschaft Christi, Lumen Gentium, verkündigen.


Gott braucht die Menschen, alle Menschen, und Christus braucht die Mitarbeit der erwählten Jünger für die Verkündigung, für die Erneuerung der Schöpfung. Wir wollen wachsam sein, weil unser Herr kommt und wir ihn fröhlich empfangen wollen. Volk Gottes, mach Dich bereit! Amen.