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Vater der Hoffnung und der Jugend

Eucharistiefeier am 3. Todestag von Papst Johannes Paul II., Edith Stein-Kapelle, Wien, 2. April 2008



 

Liebe Studentenseelsorger!

Liebe Studenten und Studentinnen!


Heute, am Mittwoch der Zweiten Osterwoche betet die Kirche: Allmächtiger Gott, in den österlichen Geheimnissen, die wir jedes Jahr feiern, hast du dem Menschen seine ursprüngliche Würde wiedergeschenkt und uns die sichere Hoffnung gegeben, daß wir auferstehen werden.


Viele Studenten und Studentinnen sind heute gemeinsam mit dem Nuntius und den Studentenseelsorgern José Clavería, Tadeusz Bienasz und P. Thomas Figl hier in der Edith Stein-Kapelle versammelt, um eines großen Mannes zu gedenken, der leider nicht mehr unter uns ist, und doch ist er gerade präsenter denn je in unserer Erinnerung: Papst Johannes Paul II., dessen Todestags sich zum dritten Mal jährt. Wir alle haben noch die Bilder von den beeindruckenden Trauerfeierlichkeiten in Rom vor Augen und von den nicht enden wollenden Schlangen von Menschen, die stundenlang auf dem Petersplatz ausharrten, um sich noch ein letztes Mal von diesem wunderbaren Papst zu verabschieden. Viele junge Leute, vielleicht auch viele von Euch, pilgerten damals nach Rom, um dem Papst die letzte Ehre zu erweisen. Bewegend war es zu sehen, wie viele junge Menschen unter dem Fenster des Papstes die ganze Nacht lang beteten und fromme Lieder sangen und damit ihre große Liebe zum Papst zum Ausdruck brachten. Man merkte, wie sehr dieser Papst gerade unter den Jugendlichen beliebt war. Ja, er wurde für sie nicht nur zu einem großen Vorbild, sondern auch zu einer echten Vaterfigur.


Wie es im heutigen Tagesgebet steht, so können auch wir mit froher Gewißheit verkünden, daß Christus den Tod besiegt hat und auch sein Diener Papst Johannes Paul II. von den Toten auferstehen wird. Das heutige Evangelium erinnert uns daran, daß das Licht in die Welt gekommen ist und daß die Apostel es erkannt und nach der Auferstehung in die Welt hinausgetragen haben. So werden auch alle, die die Wahrheit tun, zum Licht kommen, damit die Wahrheit offenbar wird und ihre Botschaft der Liebe im Tempel oder auf der Agorà der Welt Gehör findet.


Diese Kapelle ist für viele junge Studierende und Akademiker Wiens zu einem wichtigen Fixpunkt ihres Lebens geworden. Sie ist aber nicht nur ein Ort, wo sich junge Menschen gerne zum Gebet treffen, sondern auch ein historisch denkwürdiger Ort, der auf besondere Weise mit der Figur des polnischen Papstes verbunden ist. Nicht viele wissen, daß dem Papst gerade diese einfache Kapelle im Herzen Wiens besonders am Herzen lag. Denn schon im Jahre 1965 feierte er als Kardinal zwei Mal in dieser Kapelle die Eucharistie, dank seiner Verbundenheit mit Monsignore Stanislaus Kluz, den Kardinal König im Februar 1965 zum Hochschulseelsorger nach Wien berufen hatte und der für viele Studenten zum geistigen Vater dieser Kapelle geworden ist. 1993 wurde die Kapelle schließlich vom damaligen Weihbischof Christoph Schönborn auf die Bitte von Monsignore Kluz dem Schutz der Märtyrerin von Auschwitz Edith Stein anvertraut, die eine der herausragendsten Zeuginnen für den Sieg des Kreuzes über den Tod ist.


Papst Johannes Paul II. war in erster Linie ein großer Denker und Philosoph, der in aller Konsequenz den existentiellen Fragen der Menschheit auf den Grund zu gehen versuchte: Woher komme ich? Wohin gehe ich? Die Frage nach Gut und Böse und vor allem auch: Warum gibt es das Leid in der Welt? Schon als junger Priester der Erzdiözese Krakau verstand es Karol WojtyBa, die Jugendlichen durch sein starkes Charisma zu begeistern und mit ihnen gemeinsam  auf Wanderungen oder auch bei Schitouren  um eine Antwort auf die großen Fragen des Lebens zu ringen. Seine jungen Jahre waren geprägt von Krieg und Zerstörung, vom Verlust seiner engsten Familienangehörigen und von der Trennung von lieben Freunden. Es war eine Zeit der großen Prüfung, in der sich für den jungen Karol die Frage nach der Theodizee  Warum läßt Gott so viel Leid in der Welt zu?  buchstäblich aufdrängte.


Auf mysteriöse Weise ist daher auch das Schicksal der deutschen Philosophin Edith Stein mit dem Leben von Papst Johannes Paul II. verbunden. Diese beiden großen Denker sind sich zwar persönlich nie begegnet, doch haben sich ihre Wege im Geiste oft gekreuzt. Ähnlich wie Karol WojtyBa beschäftigte auch die jüdische Philosophin und Schülerin von Edmund Husserl schon sehr früh die Frage nach dem Sinn des Lebens. Beide fühlten sich der Phänomenologie Husserls als philosophischer Methode sehr verbunden. Edith Stein fand schließlich im Evangelium eine Antwort auf ihre Fragen.


Nach ihrer Bekehrung zum Christentum trat Edith Stein in Köln in den Karmeliterorden ein, wo sie als Schwester Theresia Benedicta vom Kreuz ihr Leben der stillen Kontemplation Gottes widmete. Die Nazis rissen die Karmelitin jedoch bald wieder aus dieser beschaulichen Stille heraus und deportieren sie ins Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau, wo sie in der Gaskammer den Tod fand. Auschwitz liegt nicht weit von Krakau und Wadowice, dem Geburtsort Papst Johannes Paul II. entfernt. Die letzten Tage ihres Lebens verbrachte Edith Stein also unwissend in der Nähe des zukünftigen Papstes, der diese große Märtyrerin des 20. Jahrhunderts später nicht nur heilig sprechen sollte, sondern sie zusammen mit zwei anderen großen Frauen  der heiligen Birgitta von Schweden und der heiligen Katharina von Siena  zur Patronin Europas erklärte. Dem Vorgänger des jetzigen Universitätsseelsorgers, Konstantin Spiegelfeld ist es zu verdanken, daß die ganze Hochschulgemeinde dieser Patronin Europas anvertraut und dadurch ihr Andenken unter den Studenten besonders gefördert wurde. Heute trägt ja das ganze Haus ihren Namen, wodurch das Leben Edith Steins ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt ist. Eine Tafel links vom Eingangsportal beinhaltet den einprägsamen Satz der heiligen Edith, der alle Menschen, ob fern oder nah, in gleicher Weise anzusprechen vermag: Gott ist die Wahrheit. Wer die Wahrheit sucht, sucht Gott, ob es ihm bewußt ist oder nicht.


Die bewußt karg gehaltene Architektur dieser Kapelle, in der alles auf das Wesentlichste reduziert ist  das eindringliche, große Kruzifix hinter dem Altar und die schlichte Muttergottesfigur am Seitenpfeiler  erinnert an den Ort, an dem Schwester Theresia Benedicta vom Kreuz mit dem Tod gerungen hat. Ein Ort, wo alles, was sonst so wichtig erscheint, weggelassen ist, wo der Mensch nur noch in seiner Armut und Nacktheit auf Augenhöhe vor dem Gekreuzigten steht.


Heute erinnern wir uns auch an die letzten Bilder des nach Luft ringenden Papstes, der die Menschen nicht mehr durch tiefsinnige Worte berühren konnte, sondern allein durch sein stilles Dasein und sein für die Menschheit aufgeopfertes Leiden. Wie schon der Herr und Meister im Gethsemani mit der Todesangst ringen mußte, so blieb dies auch diesen beiden großen geistigen Nachkommen Jesu nicht erspart. Auch ihre Christusnachfolge endete am Kreuz, aber sie wußten, daß sie den Tod mit der Kraft Christi überwinden könnten.


Das Osterfest, das wir erst vor kurzem gefeiert haben, läßt in uns die freudige Gewißheit wach werden, daß der Tod nicht das letzte Wort hat. So hat auch der Heilige Vater, Papst Benedikt XVI. am vergangenen Weißen Sonntag, den noch Papst Johannes Paul II. der Göttlichen Barmherzigkeit geweiht hatte, vor dem Angelusgebet an seinen Vorgänger mit den Worten erinnert: Am jenem Samstag Abend dieses unvergeßlichen 2. April 2005, als Papst Johannes Paul II. für immer die Augen schloß, war es genau der Vorabend des Zweiten Ostersonntags. Viele erkannten darin einen einzigartigen Zufall, daß dieser Tag sowohl die marianische Dimension  Erster Samstag des Monats  und die der Göttlichen Barmherzigkeit in sich vereinte. In der Tat hatte sein langes und vielgestaltiges Pontifikat hier seinen Mittelpunkt; seine ganze Mission stand im Dienst der Wahrheit Gottes und des Menschen und auch des Friedens in der Welt. Dieser Dienst läßt sich zusammenfassen in der Botschaft, die er selbst im Jahre 2002 in Krakau- A agiewniki während der Einweihung des neuen Heiligtums der Göttlichen Barmherzigkeit verkündete: Außerhalb der Barmherzigkeit Gottes gibt es keine andere Quelle der Hoffnung für die Menschen. Mögen die heilige Faustyna und der Diener Gottes Johannes Paul II. Euch helfen, authentische Zeugen dieser barmherzigen Liebe zu werden. Amen.