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Schwester Armut

Gedenktag der heiligen Klara von Assisi,
Fokolar-Zentrum, Wien, 11. August 2006


Heute, am Gedenktag der heiligen Klara von Assisi bin ich sehr gerne hierher in das Zentrum von Mariapolis Edelweiß gekommen, um mit den Mitgliedern der Fokolar-Bewegung und den Wegbegleitern Chiara Lubichs das Fest der großen Heiligen von Assisi zu feiern.

Wenn wir an die heilige Klara denken, dann erinnern wir uns unweigerlich auch an den heiligen Franz von Assisi, dessen Name und Botschaft eng verknüpft ist mit einem universalen Verständnis von Brüderlichkeit: Vom heiligen Franziskus stammen die Begriffe Schwester Sonne und Bruder Mond. Von ihm stammt der berühmte Sonnengesang, eine Hymne auf die Natur und auf die Schwester Armut. In seinem Brief, den er an alle Gläubigen gerichtet hat, bevor er von dieser Welt ging, erinnert der Heilige daran, daß die Menschen nur die Werke der Nächstenliebe und die ausgeteilten Almosen mitnehmen können (Ufficio, 1353).

Wenn man vom heiligen Franziskus spricht, dann breitet sich vor unserem Auge auch das liebliche Umbrien mit seiner harmonischen Landschaft aus, mit seinen duftenden Blumen und spitzen Steinen, ein Werk Gottes und des Menschen. Dieses Umbrien hat den heiligen Franz inspiriert und auch die heilige Klara, die er kleine Blume meiner Freude nannte. Mit einer poetischen Natürlichkeit brachte Franziskus den Reichtum seines Genies und auch die Weite seiner Liebe zum Schöpfer und zum Geschöpf zum Ausdruck, die ohne Grenzen war. In jener zauberhaften Landschaft kann man sofort die unendliche Liebe Gottes verspüren.

Die Liebe und Armut der heiligen Klara von Assisi erinnert auch an das Werk Mariens von Mariapolis und an die Botschaft ihrer Namensschwester, Chiara Lubich. Trotz der zeitlichen Distanz, die den einen Anlaß vom anderen trennt, so haben sie doch dieselben Gaben Gottes gemeinsam. Beide Frauen waren von derselben echten Intuition inspiriert: Gott zu dienen, indem sie den Nächsten lieben, und sein Angesicht im Antlitz der Armen, der Kranken, der Alten und der Verlassenen zu suchen.

Klara von Assisi schloß sich hinter die Mauer ihres Klosters ein. Im schönen und fröhlichen Umbrien verzichtete sie auf jede Art von äußerlichen und öffentlichen Tätigkeiten, auf der Suche nach der mystischen und sakramentalen Vereinigung mit Christus und, durch Christus, mit den Menschen aller Zeiten. Klara liebte das Gebet, die Demut und die Armut. Ihrem Fürbittgebet, erklärt Chiaras Biograph, schrieb Assisi die Rettung von den Sarazenen zu. Nach einem strengen und asketischen Leben, aber reich an Liebe und Frömmigkeit, ging ihr irdischer Weg am 11. August 1212 zu Ende. Sie hat viele Mitschwestern und Jüngerinnen hinterlassen, die schnell als Klarissinnen bekannt geworden sind.

Die andere Chiara begann ihren Weg in der Welt, in den Gassen, Straßen und Tribünen dieser wunderbaren und komplizierten neuen Zeit, motiviert und angespornt von einer einzigen Realität: Sie war entflammt von der Liebe Gottes, die in alle Herzen eingegossen ist (Röm 5,5), um alle anzustecken bis zur Rettung des letzten Bruders und der letzten Schwester.

Klara von Assisi folgte dem Herrn nach, verzichtend auf alles, um in der Stille sein Wort zu meditieren und sein göttliches Antlitz in jedem menschlichen Gesicht und in jeder gerechten Seele zu betrachten. Vor ihrem Tod empfahl sie ihrer Freundin und Mitschwester Agnes von Prag: Glücklich der, dem es gegeben ist, vom heiligen Gastmahl zu trinken und mit ganzem Herzen dem anzuhangen, dessen Schönheit die seligen Scharen des Himmels immerfort bewundern, dessen Liebe uns bewegt, dessen Betrachtung uns erquickt, dessen Güte und Süße uns erfüllt, dessen Gedächtnis uns beglückt, von dessen Duft die Toten lebendig werden und dessen herrliche Schau die Bürger des Himmlischen Jerusalem erfreut.

Diese Vision ist wie ein ungetrübter Spiegel. Schau jeden Tag in diesen Spiegel. In diesem Spiegel leuchten stetige Armut, heilige Demut und unaussprechliche Liebe. Welche bewundernswerte Demut, welche erstaunliche Armut! Welche unendliche Liebe! (Ufficio S. Chiara, pp.1198-1199).

Fast achthundert Jahre später schreibt Chiara Lubich: Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst. Wo ist der Nächste? Er war in der Nähe von mir: Er war diese alte Frau, die mit Schwierigkeit und Mühe ihren Zufluchtsort erreichen konnte. Man sollte sie lieben wie sich selbst: ihr helfen jedes Mal, und sie behüten. Der Nächste war da unter diesen erschrockenen Kindern, die ihre Mama unter dem Trümmerhaufen suchten. Mein Nächster war da in diesem Trümmerhaufen, blockiert ohne Schutzmöglichkeit. Man mußte ihm helfen, ihm nahe kommen, ihm Medikamente beschaffen, ihn retten.

Der Nächste, liebe Brüder und Schwestern, ist nicht nur der, der in unserer Nähe ist, der uns gern hat. Es ist besonders auch derjenige, den wir nicht kennen, der uns braucht, dessen Photo und Not auf den ersten Seiten in unseren Zeitungen oder in den ersten Bildern unserer Tageschauen zu sehen ist. Er ist das Opfer des Hasses, der Rache und der Unwissenheit. Er ist diese Mutter, die mit ihren Kindern ruhig schläft, bis in ihrem Schlaf sie der Teufel des Todes überrascht wie ein brüllender Löwe (vgl. 1Petr 5,8). Dieser Nächste, dieser Mitmensch, weit weg von uns und unbekannt, ungeschützt und ungeachtet, wie der Nächste von Chiara Lubich, braucht unsere Hilfe und unseren Schutz. Was können wir tun? Was die Macht der Menschen nicht kann, vermag das Gebet. Diese Art von Dämonen aber kann nur durch Gebet und Fasten ausgetrieben werden. (Mt 17,21)

Euch, liebe Mitglieder der Fokolar-Bewegung, Jünger und Wegbegleiter von Chiara Lubich, Euch Brüder und Schwestern, die Ihr erwählt und gerufen seid, um an diesem Gastmahl heute Abend teilzunehmen, Euch wünsche ich, daß Ihr in Eurem privaten und gesellschaftlichen Leben wahre Zeugen jener Liebe werdet, die sich in Euren Herzen ausgebreitet hat. So könnt Ihr zu wahren Instrumenten des Friedens werden, eines Friedens, den Euch niemand nehmen kann. Den Frieden, den Christus gibt, nicht wie die Welt ihn gibt. Friede Christi heißt den anderen zu lieben, jeden einzelnen, wie Christus mich geliebt hat. So werden wir teilhaben am Entstehen einer neuen Zivilisation, nicht des Krieges und des Hasses, sondern einer Zivilisation der Liebe, die dem geliebten Papst Johannes Paul II. ein so wichtiges Anliegen war.


Auf die Fürsprache der heiligen Klara von Assisi und durch die Hilfe der Muttergottes, Maria, Hilfe der Christen, Auxilium Christianorum, möge es so sein. Amen.