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Niemand lebt alleine

Requiem für S.K.K.H. Erzherzog Karl Ludwig von Österreich, Stephansdom, Wien, 12. Jänner 2008

 


Kaiserliche Hoheiten! Königliche Hoheiten! Hoheiten! Durchlauchten!

Erlauchten! Exzellenzen! Hochwürdigste und Hochwürdige Herren!

Erzherzog Karl, Chef des Hauses Österreich! Lieber Erzherzog Otto! Erzherzog Rudolf, ältester Sohn des Verstorbenen!

Werte Trauergesellschaft!

Liebe Brüder und Schwestern!


Wir sind hierher zusammengekommen, um von unserem Bruder, Vater, Onkel, Vetter, Verwandten, Freund und Wohltäter, Erzherzog Karl Ludwig von Österreich Abschied zu nehmen. Mit verschiedener Intensität spüren wir die Wunde und den Schmerz des Abschiedes und des Verlustes. Obwohl unser Glaube tief und unsere Hoffnung groß ist, wirft sein Scheiden von uns dennoch Trauer und Schmerz auf. Wir denken jetzt an ihn und stellen ihn uns im Geiste vor Augen. Ich möchte am Sarg des verstorbenen Erzherzogs öffentlich drei Fragen stellen, die der Persönlichkeit des Verstorbenen gewidmet sind, doch zugleich einem jeden einzelnen von uns gelten.


Die erste Frage lautet: Was war unser lieber verstorbener Erzherzog Karl Ludwig?

Bei der Beerdigungszeremonie streut der Priester drei Mal Erde auf den Sarg und spricht: „Von der Erde bist du genommen, zur Erde kehrst du zurück, der Herr aber wird dich auferwecken am Jüngsten Tag“. Wir wollen die gestellte Frage also ganz aufrichtig und demütig beantworten. Unser Verstorbener war Staub, war Erde, und auch wir sind Staub und Erde. Im Angesicht des Todes zerrinnt alles eitle Gerede. Das nackte Wesen des Menschen tritt hervor. Erzherzog Karl Ludwig wurde als fünftes Kind Kaiser Karl I. von Österreich und Kaiserin Zitas am 10. März 1918 in Schloß Schönbrunn geboren. Nach dem Zusammenbruch der Monarchie mußte er mit seinen Eltern und Geschwistern ins Exil gehen, in die Schweiz, nach Madeira, nach Spanien und Belgien. In Löwen promovierte er zum Doktor der Rechts- und Politikwissenschaften. Von den Nationalsozialisten verfolgt trat er 1943 in die amerikanische Armee ein. In Portugal führte er im Auftrag Präsident Roosevelts als Major geheime Verhandlungen über einen Separatfrieden mit Ungarn. 1950 heiratete er Prinzessin Yolande de Ligne. Der Ehe entstammen vier Kinder. 1958 ließ er sich mit seiner Familie in Brüssel nieder und gründete in der Folgezeit in höchster Position für die „Société Générale de Belgique“ die Holding-Gesellschaft „Genstar“ mit über 20.000 Beschäftigten in Kanada und den USA. 1986 ging er in Pension und setzte sich seither vor allem für die rechtlichen Belange des Hauses Österreich in Mitteleuropa ein. Er verstarb am 11. Dezember 2007 in Brüssel im 90. Lebensjahr.


Trotz aller Würde der Geburt, trotz aller Verdienste und Erfolge gilt aber dennoch, daß unser verstorbener Erzherzog von der Erde genommen war und wieder zur Erde zurückgekehrt ist. Wir alle sind von der Erde genommen, und wir kehren allesamt zur Erde zurück. In diesem Bewußtsein wird uns deutlich, wie klein wir vor Gott, dem allmächtigen Schöpfer sind, und wie sehr wir uns anstrengen müssen, daß doch aus dem Staub, aus der Erde, etwas werde, etwas Bleibendes, etwas Wertbeständiges, etwas Vorzeigbares, Werke, die aufgezeichnet werden im Buch des Lebens. Es wird uns bewußt, doch nicht alles im Staub, hier auf Erden zu suchen, sondern unsere Herzen zu Gott zu erheben und Geistiges und Gottesfürchtiges zu leisten. So hat es unser lieber Verstorbener gehalten.


Obwohl aus vornehmer Familie stammend war er stets in seinem Auftreten zurückhaltend und bescheiden, fromm und gottergeben. Vor allem hat er versucht, aus seinem Leben etwas Sinnvolles zu machen, verschiedene Studien zu absolvieren, hart zu arbeiten, Großes zu leisten, sich für andere einzusetzen und Verantwortung in Wirtschaft und Gesellschaft zu übernehmen. Ihm war Lebensmotto, was Papst Johannes Paul II. über seinen Vater, den seligen Kaiser Karl I. gesagt hat: “Die entscheidende Aufgabe des Christen besteht darin, in allem Gottes Willen zu suchen, zu erkennen und danach zu handeln. Dieser täglichen Herausforderung hat er sich gestellt.“ Wie wir in der Ersten Lesung gehört haben: Er hat mit seinem Mund Gott bekannt und in seinem Herzen geglaubt: Jesus ist der Herr, deswegen wird er nicht zugrunde gehen (vgl. Röm 10,8).


Die zweite Frage ist: Was wurde unser verstorbener Erzherzog Karl Ludwig?


Während der Trauerfeierlichkeit besprengt der Priester den Sarg mit Weihwasser und spricht die Worte: „Im Wasser und im Heiligen Geiste wurdest du getauft, der Herr vollende an dir, was er in der Taufe begonnen hat“. Im Sakrament der Taufe ist aus dem Staub, aus der Erde etwas geworden: ein Kind Gottes, ein Gefäß der göttlichen Gnade, ein Auserwählter Gottes, ein Christ und Bruder unseres Herrn. Welch eine Gnade, welch eine Würde und welch eine Ehre! Im Wasser der Taufe ist unser Verstorbener zum Propheten, zum König, zum Priester Jesu Christi gesalbt worden, und dies ist ein Recht und ein Erbe, das ihm niemand mehr streitig machen und aberkennen kann, und auf das er erst recht nicht verzichten muß. „Ihm gehört das Himmelreich!“ (Mt 5,3)


Der verstorbene Erzherzog war ein nüchterner Realist, im Politischen wie im Religiösen, aber stets voller Energie und Elan, ein Christ der Tat, ein zuverlässiges und lebendiges Glied der Gemeinschaft der Kirche. Er freute sich, wenn man ihm mit dem Psalmisten sagte: „Auf, wir gehen zum Haus des Herrn!“ Er hat die Hände gefaltet, das Haupt gesenkt, die Knie gebeugt vor Gott dem Allmächtigen. Er hat den Rosenkranz gebetet, in der Heiligen Schrift meditiert. Er hat bei keiner Sonntagsmesse gefehlt. Er hat Wallfahrten unternommen, großzügig die kirchliche Caritas unterstützt. Er hat seinen Glauben deutlich zum Ausdruck gebracht in seiner Familie, in seinem Bekanntenkreis und vor allem in leitender Funktion in seinem Beruf und Arbeitskreis. Er ist für Christus eingetreten und war, wo immer er sich auch befand, ein wahrer und aufrechter Repräsentant unseres Herrn, nach dessen Willen er stets gefragt hat. Zur heiligen Mutter Anna hat er seine besondere Zuflucht genommen. Sie möge für ihn am Throne Gottes besondere Fürsprache einlegen, weil ihre Tochter, Maria von Nazareth, „Stella Mariä, Stern der Hoffnung ist.“ (Spe Salvi, 49)


Sein Vater, der selige Kaiser Karl von Österreich, wird ihm gewiß entgegengehen und ihn hinführen zur Schar der Heiligen im Angesichte Gottes, in die Gemeinschaft der Heiligsten Dreifaltigkeit. Die Engel werden ihn mit Freude zu Christus, dem “Richter und Retter“ begleiten. Der Herr wird ihm sagen: „Ich war arm, fremd und krank, und du hast mich besucht.“ (Mt 25,36) In diesem Augenblick „erfährt und empfängt er“, wie unser Heiliger Vater Benedikt XVI. in seiner neuen Enzyklika „Spe Salvi“ schreibt, „das Übergewicht der Liebe Gottes über alles Böse in der Welt und in uns (vgl. Spe Salvi, 47). „Selig die Frieden stiften: Sie werden Söhne Gottes genannt werden!“ (Mt 5,9)

 


Die dritte Frage lautet schließlich: Was wird unser verstorbener Erzherzog Karl Ludwig sein?

Bei der Beerdigungszeremonie legt der Priester Weihrauch auf die glühende Kohle. Während der Rauch zum Himmel emporsteigt, spricht er die Worte: „Dein Leib war der Tempel Gottes, der Herr schenke dir ewige Freude.“ Wir betten den Leib des lieben Erzherzogs nach alter Tradition in der Kapuzinergruft zu Wien in geweihter Erde zur letzten Ruhe. Seine Seele aber ist emporgestiegen zu Gott, lieblicher und feiner als der Weihrauch zum Himmel aufsteigt. Der Leib, der im Sarg liegt, harrt der Auferstehung des Fleisches, die Seele aber schaut bereits jetzt das Antlitz Gottes. Wer so gottesfürchtig und pflichtbewußt gelebt hat, wie unser lieber verstorbener Erzherzog, der ist ein Bewohner des Himmels, der ist eingegangen in das ewige Vaterhaus, der darf nun ewige Ruhe halten, betend und lobpreisend, in der beseligenden Anschauung des Allmächtigen, der ist erlöst und mit Gott vereinigt, der ist nicht tot, sondern lebt in der geistigen Wirklichkeit und Lebendigkeit Gottes, des Schöpfers und Erhalters aller Welt. Unser Verstorbener ist heimgekehrt zu Gott, seinem Vater.


Deshalb „können wir nicht trauern“, um mit dem Apostel Paulus zu sprechen, „wie die Heiden, die keine Hoffnung haben“, sondern wir freuen uns vielmehr darüber, daß unser verstorbener Bruder nach einem langen Weg irdischen Strebens am Ziel seiner menschlichen Bestimmung angelangt ist. Dort, wohin auch wir alle durch unseren Heiland Jesus Christus berufen sind, in der himmlischen Seligkeit, im Paradies, wird er vereint mit seiner lieben Mutter, Kaiserin Zita, und seinem unvergeßlichen Vater, dem seligen Kaiser Karl sein. Dort wird er das Wort Christi hören: „Du bist im kleinen ein treuer Verwalter gewesen. Komm, nimm teil an der Freude deines Herrn.“ (Mt 25,24). „Niemand lebt allein. Keiner sündigt allein. Keiner wird allein gerettet“, schreibt Papst Benedikt XVI. in der neuen Enzyklika, „in der Gemeinschaft aller Seelen wird die bloße Weltzeit überschritten (...). Den Seelen der Verstorbenen kann durch Eucharistie, Gebet und Almosen Tröstung und Erquickung geschenkt werden.“


Unser verstorbener Erzherzog Karl Ludwig war Staub. Durch die Taufe ist er zu einem Sohn Gottes geworden. In seinem irdischen Leben hat er sich bemüht, Christus nachzufolgen. Jetzt, da ihm die Stunde geschlagen hat, wird er ein Seliger des Himmels sein. Für uns aber ist er ein Vorbild im Glauben. Wir bleiben ihm verbunden, wollen für ihn beten und danken ihm für alles, was er uns an Gutem erwiesen hat.

Darum sind wir zahlreich hierher zusammengekommen, um im Gebet, in der Eucharistiefeier, und im Glauben der Kirche unsere Beziehung zu unserem Verstorbenen zu erneuen und lebendig zu halten und ihm mit dem hoffnungsvollen Lied der Kirche Geleit zu geben. Für sein Zeugnis, für sein Vorbild sagen wir ihm, sagt die Mutter Kirche ihm Dank!

In paradisum perducant Te Angeli. Zum Paradiese mögen Engel dich geleiten.“


Scio enim quod Redemptor meus vivit!“ Ich weiß, daß mein Erlöser lebt, und ich in ihm! Das ist unser Glaube, das ist der Glaube der Kirche, das ist der Glaube des Hauses Österreich. Erzherzog Karl Ludwig lebt!


Amen.