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Glaubt wenigstens aufgrund der Werke

Seelenmesse für Chiara Lubich, Gründerin und Präsidentin der Fokolar-Bewegung, Stephansdom, Wien, 21. April 2008



Glaubt wenigstens aufgrund der Werke“ (Joh 14,11)

Laßt euch als lebendige Steine zu einem geistigen Haus aufbauen“ (1 Petr 2,4-7)



Liebe Brüder und Schwestern!


An diesem Fünften Ostersonntag jubelt und singt die Kirche ein neues Lied, denn „der Herr hat sein gerechtes Wirken enthüllt vor den Augen der Völker“. Wenn ihr nicht an Christus glaubt, glaubt wenigstens an sein Wirken!


Heute erinnern wir uns an Chiara Lubich, die Gründerin und Präsidentin der internationalen Fokolar-Bewegung, und opfern unsere Messe für die Ruhe ihrer Seele auf. Mit Ergebenheit und tiefer Andacht vereinen wir uns im Gebet mit ihren österreichischen Freunden und Wegbegleitern. Mit dem Heiligen Vater Benedikt XVI. bitten wir Gott, „die Seele unserer Schwester aufzunehmen, und alle ihre Freunde zu trösten.“

 

Auch wenn ihr Tod wie für jeden Lebenden vorauszusehen war, so hat er doch ein großes Echo und tiefe Trauer, nicht aber Traurigkeit und Hoffnungslosigkeit hervorgerufen. Chiara Lubich hat ihr Leben wie „ein Lied an den Gott der Liebe“ gelebt. Jetzt ist sie eingegangen in die Unendlichkeit der Liebe Gottes, die heute zu uns wie eine Melodie von Liedern und Hymnen der Anerkennung und Liebe durch die ganze Welt klingt. Papst Benedikt XVI. hat ihren Tod geehrt und ihre Nachfolger daran erinnert: „Ihr Erbe geht jetzt an ihre geistliche Familie. Möge die Jungfrau Maria, das Vorbild ihres Lebens, jedem Angehörigen der Fokolare und helfen, auf dem gleichen Weg weiterzugehen.“


Aber wer war Chiara Lubich? Der Bogen ihres langen Lebens spannt sich von Trient, der Stadt des Konzils der katholischen (Gegen-)Reformation, wo Chiara im Jahre 1920 geboren wurde bis hin nach Rom, dem Caput Mundi, wo sie am 14. März 2008 starb. Viele Zeitungen haben in den letzten Wochen über sie berichtet und ihre Arbeit und ihr Schaffen gelobt. Viele haben Bewunderung für ihre Werke und den Schmerz über ihren Tod zum Ausdruck gebracht. Nun sind wir hier an diesem Abend versammelt, um im Geist der Verehrung und der Andacht mit den vielen anderen unser Magnificat für den Herrn zu wiederholen: pro omnibus quae fecit.


Da es nicht möglich ist, mit denen gleichzuziehen, die sie gekannt haben und von ihr persönlich erzählen können, möchte ich vor Euch ein kleines aber liebes und persönliches Zeugnis bringen. Ich lernte Chiara Lubich durch ihre Freunde und Freundinnen kennen und habe sie durch ihre Schriften schätzen gelernt. Dreimal habe ich ihr die Hand hingehalten, um Hilfe zu erbitten, dreimal in heiklen und schwierigen Situationen. Dreimal hat sie dabei persönlich geantwortet und meine Bitten erfüllt. Viele Male habe ich sie reden gehört. Ihre Argumentation war klar, ihre Beredsamkeit flüssig. Denn der Quell, aus dem sie geschöpft hat, war der aller Christen, nämlich das Evangelium und die Person Jesu Christi; vor allem der verlassene Jesus. Ihre Worte waren sehr eindringlich. Ihre Reden faszinierten die Zuhörer geradezu. Sie war die Verkörperung dessen, was Papst Johannes Paul II. als die „Einzigartigkeit der Person“ definierte. Nachdem sie das Leben beendet und den Lauf vollendet hat, scheint es uns, daß sie jenes kleine Senfkorn war, der ein großer Baum geworden ist“, von dem das Evangelium spricht (vgl. Mt 13,31-33). „Glaubt wenigstens aufgrund der Werke.“ (Joh 14,11)


Das Evangelium erzählt von einem Mann, vielleicht von einem Bauern, der ein kleines Senfkorn gefunden hat. Es ist das kleinste aller Samenkörner. Er hat es genommen und in seinen Acker gepflanzt. Es ist aufgesprossen und gewachsen und wurde ein Baum, das größte unter allen Gewächsen, sodaß die Vögel des Himmels kamen, um in seinen Zweigen zu nisten. Dieses Senfkorn sind das Leben und Werk von Chiara Lubich. Der Gärtner ist Gott, der sie in den Acker der Welt gepflanzt hat, der sie aufsprießen, wachsen und sich entfalten ließ mit vielen breiten und starken Ästen und reicher Frucht. Es freute den göttlichen Gärtner, den Baum wachsen zu sehen. Er ließ die Zweige sich im Wind der Zeiten bewegen. Er begleitete die Bewegung mit Wohlgefallen. Er durchwehte den Baum mit seinem Geist. Er ließ ihn lebendig und kraftvoll sich ausbreiten. Der Baum blieb fest und stark verwurzelt gemäß seiner Natur und Anlage. Als der Baum sehr groß geworden war, kamen die Vögel des Himmels, die Suchenden unserer Zeit, und fanden im Schatten dieses Baumes Ruhe und Klarheit gefunden. Sie haben ein erfrischendes Wehen verspürt und die Heiterkeit der Umgebung bemerkt. Ermutigt und erholt sind sie weggegangen und haben sich auf neue Wege begeben im Einklang mit sich selbst und erfüllt von neuem Glauben. Die Bewegung Chiara Lubichs ist stark geworden, weil sie immer treu ihre christliche Identität gewahrt hat.


Zufrieden hat der göttliche Gärtner diesen geistlichen Baum gepflegt, begleitet und beschützt, der zum „Werk Mariens” geworden ist. Der liebe Gott schien zu sagen: „Ich kann euch nur kurze Zeit in Trient oder in Italien lassen. Ihr gehört zum Abbild der Kirche. Ihr seid Kirche. Ihr müßt mit der Kirche für das Antlitz der Kirche handeln. Geht in die Straßen der Welt hinein, in die Gesellschaft, durch die Kultur, die Politik und Religion. Verkündet mit lauter Stimme Eure Botschaft: Gott ist Liebe. Gott liebt alle ohne Ausnahme und ohne Bedingungen. Und wirklich haben sie ihr Netz ausgeworfen und ihre Fahne jenseits aller Grenzen und Schranken hochgehalten. Ihr Werk ist zu einem riesigen Baum geworden, von dem viele andere Bewegungen abzweigen. Und alle zusammen singen das Lied der Liebe Gottes, für Gott, der die Liebe ist, wie Kardinalstaatssekretär Bertone in seiner Trauerpredigt sagte.


Sie bemühen sich, das Evangelium bis zum Ende, oder „ohne Unterlaß“ zu leben, wie Chiara zu sagen pflegte. Langsam ist das Leben des Senfbaumes der Fokolar-Bewegung wie eine „mächtige und wirkungsvolle soziale Revolution“ geworden. Aus dieser ersten Bewegung, aus diesem Senfkorn erstanden, mit den Worten des Kardinal-Staatssekretärs, andere Bewegungen wie die „ Famiglie Nuove “ (Neue Familien), “ Umanità Nuova “ (Neue Gesellschaft), der Verlag „ Città Nuov a“’ (Neue Stadt), Modellsiedlungen wie Loppiano und andere, die in den verschieden Kontinenten Zeugnis geben. Ferner, so der Staatssekretär, enthalte sie Zweige von Laien, wie die „ Volontari di Dio “ (Freiwilligen Gottes). Im Klima der Erneuerung, die durch das Pontifikat des seligen Johannes XXIII. und das Zweite Vatikanische Konzil ausgelöst wurde, fand die mutige ökumenische Öffnung der Fokolar-Bewegung fruchtbaren Boden im Bemühen um den Dialog mit den Religionen. In den Jahren des Jugendprotestes ( contestazione ) hat die GEN-Bewegung Tausende Jugendliche angezogen und viele für das Ideal der evangeliumsgemäßen Liebe fasziniert. Später hat sie ihren Aktionsradius durch die Bewegung „ Giovani per un mondo unito “ (Jugend für eine geeinte Welt) ausgeweitet. Den Vorschlag, das Evangelium ohne Abstriche zu leben, machte Chiara auch den Kindern, für die sie die Bewegung „ Ragazzi per l’unità “ (Jungen und Mädchen für eine geeinte Welt) gegründet hat. Ihre Aktion und ihre Mühe sind genau wie im Evangelium, nicht nur die der Christen, der Gläubigen und der Menschen guten Willens geblieben. Ihre Aktion war auch eine Einladung an alle Frauen und Männer unserer Zeit. Die „ Mariapoli “ bleibt die „Stadt der Liebe“, wo viele selbst die Erfahrung der evangelischen Liebe spüren können. Es geht um eine Erfahrung, die man unter dem Schutz Mariens erlebt, wandelt und von allen Bosheiten reinigt. Die Fokolar-Bewegung heißt „ Opera di Maria “, weil, wie Chiara selbst sagte, „das Werk wie eine andere Maria auf der Erde bleiben soll.“


Die heutige Liturgie lädt uns ein, dem Herrn ein neues Lied zu singen, weil er große Wundertaten vollbracht hat. Die größte Wundertat ist, daß Jesus Christus in diese Welt gekommen ist, um die Liebe Gottes zu offenbaren, um zu zeigen, daß Gott die Liebe ist. Die Liebe verbirgt sich nicht in einer Ecke, sie läßt sich durch den Wind nicht verbiegen. Sie entspringt klar und fest aus dem Inneren des Herzens. Sie entäußert sich und teilt sich mit. Chiara Lubich hat die Gabe der Liebe in hohem Maße besessen. Sie ist von Gott dem Einen und Dreieinen auserwählt worden, Zeugnis abzulegen, in der Einfachheit ihres Lebens und in ihrem vielfältigen Wirken für den Einen Gott in der Verschiedenheit der Brüder und Schwestern. Sie hat den Mut und das Engagement für die Liebe gehabt in der Einfachheit des Liebens, ohne aufzuwiegen, im Akzeptieren der Menschen, ohne zu fragen, wer sie sind. Sie hat liebend ihren Glauben bezeugt und in aller Demut dem Nächsten Kraft und Mut geschenkt. Kardinal Duval, der Erzbischof von Algier, pflegte vom Mut der Liebe, von der Demut des Glaubens und von der Kraft der Hoffnung zu sprechen.

Der heilige Petrus erinnert in der Lesung, die wir soeben gehört haben daran, daß auch wir dazu aufgerufen sind, als lebendige Steine ein geistiges Haus aufzuerbauen. An diesem Fünften Ostersonntag offenbart sich Christus in seiner Einheit mit dem Vater und dem Heiligen Geist. Wer den Sohn sieht, sieht den Vater. Wer Jesus in seiner Offenbarung, in seinem Kreuz und in seiner Auferstehung anerkennt, in seinen Werken und in seinen Heiligen, erkennt den Vater und hat das ewige Leben. „Glaubt mir! Ich bin im Vater und der Vater ist in mir. Wenn ihr nicht mir glaubt, so glaubt wenigstens den Werken, die ich in eurer Mitte gewirkt habe.“ (vgl. Joh 14,12)


Liebe Brüder und Schwestern!

In diesem Augenblick des Gedenkens und der Sammlung erheben wir die Augen zum Himmel, um auf Christus zu schauen. Wir schauen auf Gott, der die Liebe ist, dessen Liebe sich an uns durch Kreuz und Auferstehung erwiesen hat. Wir schauen auf den verlassenen Jesus, auf den Jesus der Chiara Lubich, die nie einen Menschen verlassen oder abgewiesen hat. Jesus hat unsere menschlichen Gegebenheiten angenommen, um trotz aller Hoffnungslosigkeit Hoffnung zu geben. Er ist auferstanden, um uns zu sagen: Steh auf und geh umher! Auch du hast etwas zu sagen und mitzuteilen. Christus war in der Stadt, auf dem Land, in den Bergen. Er ist am Kreuz gehangen, er ist zu den Toten hinabgestiegen, aber er ist auferstanden, damit wir in ihm Glauben, Hoffnung, Liebe, Mut und das Leben haben. Das Werk von Chiara Lubich, dieses kleine Senfkorn, das der Herr in seinen Garten gepflanzt hat, ist ein großer Baum geworden, der die Vögel des Himmels aufnimmt, alle suchenden Menschen, das Abbild Gottes. Von Chiara Lubich ausgehend sind sie in alle Welt, in alle Kulturen und Sprachen gezogen. Wir wollen dieser Frau heute für alles, was sie getan hat, herzlich danken. Aus tiefstem Herzen sprechen wir, wie die Apostel: Zu wem sollen wir gehen, Herr? Du allein hast Worte des ewigen Lebens! Das ist die Botschaft, die uns Chiara Lubich als Testament hinterlassen hat: Glauben gegen jeden Zweifel, Lieben ohne Angst, voller Hoffnung in unserem Bruder Jesus Christus.

Für diese Gaben und alle Gnaden, für diese Zeit und für alle Zeiten wollen wir den Herrn loben und preisen. Wir tun es mit den Worten Chiara Lubichs:

„Weil Du mich geliebt hast

Wie nur Du lieben kannst

Weil Du in Deiner Unendlichkeit

Auf mich geschaut hast


Als ich vor deiner Tür stand

Als Du mich fragen wolltest

Wer ich bin

Sagte ich:

Ich bin der, der DANKT

DANKE, für alles und für immer

DANKE DIR, DANKE DIR!“