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Jeder, der liebt, stammt von Gott

150 Jahre Canisianum, Hochfest des Heiligsten Herzens Jesu, Canisianum, Innsbruck, 30. Mai 2008



 Der Ratschluß des Herrn bleibt ewig bestehen, die Pläne seines Herzens überdauern die Zeiten. Er will uns dem Tod entreißen und in der Hungersnot unser Leben erhalten. (Eröffnungsvers)



Hochwürdigster Herr Bischof!

Hochwürdiger Pater Regens!

Hochwürdige Mitbrüder im geistlichen Amt!

Liebe Konviktoren! Liebe Canisianer!


Wenn wir uns heute hier im Collegium Canisianum 150 Jahre nach seiner Gründung am Hochfest des Heiligsten Herzens Jesu versammeln, haben wir Recht und Grund diesen Vers zu wiederholen. Ja, der Ratschluß des Herrn bleibt ewig bestehen, und die Pläne seines Herzens überdauern die Zeiten. Was die Zeit überdauert, ist die Anwesenheit Gottes, seine Shekinah unter uns, seine Liebe. Die Erste Lesung aus dem Buch Deuteronomium erinnert uns daran, daß unser Gott sein Volk ausgewählt hat, nicht weil ihr zahlreicher als die anderen Völker wärt, sondern weil der Herr euch liebt und weil er treu zu seinem Schwur ist.


Ich glaube, alle Canisianer, Altkonviktoren und Konviktoren, alle hier Anwesenden oder in der ganzen Welt seelsorglich Wirkenden können diesen Vers wiederholen und dem Herrn für seinen Ratschluß und seine Liebe danken. Ihr feiert 150 Jahre des Bestehens Eures berühmten Konvikts. Mit Euch fühlen wir uns in die Gemeinschaft Eurer Vorgänger, Professoren und Studenten, der lebenden und der verstorbenen gezogen. Wenn wir heute zurück in die Vergangenheit schauen, bemerken wir, wie fest und klar der Ratschluß des Herrn bestanden hat. Nicht nur uns dem Tod zu entreißen, nicht nur die Hungersnot unseres Lebens zu stillen ist er gekommen, sondern vielmehr hat er uns gelehrt, einander zu lieben, denn die Liebe ist aus Gott, und jeder, der liebt, stammt von Gott, wie der Apostel Johannes in der Zweiten Lesung sagt (1Joh 4,4-5). Der Vater im Himmel hat durch Jesus, seinen einzigen Sohn, seine Liebe offenbart, so daß im Sohn allen Menschen die Liebe Gottes offenbar wird (vgl. Mt 11,25-30). Wenn im Alten Testament von Gott als Gott und Herr gesprochen wird und darauf gedrängt wird, auf den Bund zu achten, so wird im Neuen Testament offenbart, daß Gott selbst zuerst geliebt hat, denn er ist die Liebe. Die Liebe hat in der menschlichen Befindlichkeit einen Sitz: das Herz. Das Herz initiiert die Aktivität des Körpers, es umfaßt die Vernunft und zusammen suchen beide, Gott als Liebe den Menschen zu offenbaren.


Gott hat die Menschen so sehr geliebt, daß er uns seinen Sohn gesandt hat, den wir im Heiligen Geist erkennen und lieben können, und zwar zusammen, in der Gemeinschaft, der Communio, der Kirche. Dazu bedarf es der Ausdauer und Geduld, der Unterscheidung und Synergie von Herz und Vernunft, von Glauben und Wissenschaft, um die eigene Berufung zu überprüfen. In diesem Bewußtsein haben die Jesuiten vor 150 Jahren dieses Konvikt gegründet und ihm später den Namen des großen Kirchenlehrers und Katecheten Petrus Canisius gegeben, um beherzt, würdevoll und nüchtern die Wahrheit zu verteidigen. Und sie haben dieses Collegium Canisianum programmatisch unter den Schutz des Heiligsten Herzens Jesu gestellt.


Das Herz, in welchem die bedingungslose Liebe zu den Menschen in all seiner Fülle enthalten ist, ist das Herz des Gottmenschen Jesus Christus, das Heiligste Herz Jesu, das hier im Collegium Canisianum im ehemaligen Nikolaushaus stets in besonderer Weise verehrt worden ist. Das geöffnete Herz des Erlösers ist in einzigartiger Weise Zeichen und Sinnbild der unermeßlichen Liebe Gottes zu den Menschen, um die er sich beständig und unaufhörlich müht. Das Geheimnis der Liebe Gottes ist vor allem Gegenstand der Herz Jesu-Verehrung, der christozentrischen Frömmigkeitsform der Liebe schlechthin.


Mit seiner Enzyklika  Deus caritas e st knüpft Papst Benedikt XVI., wie er es in einem offenen Brief an den Generaloberen der Gesellschaft Jesus vor zwei Jahren (15. Mai 2006) selbst angesprochen hat, bewußt immer wieder an die genau 50 Jahre zuvor von Papst Pius XII. veröffentlichte Enzyklika  Haurietis aquas  an, welche die Herz Jesu-Frömmigkeit zum besonderen Thema hat. Gemäß der Enzyklika  Haurietis aquas  bilden die Grundlage der kirchlichen Herz Jesu-Verehrung nicht die Privatoffenbarungen von Paray-le-Monial, die vor über 330 Jahren ihren Anfang nahmen, sondern die lehramtlichen Verlautbarungen der Päpste, die diesen Kult vor allem in der Heiligen Schrift, dem Dogma der hypostatischen Union und der langen Tradition der Übung und Pflege dieser Frömmigkeitsform der Liebe verankern.


Die kirchliche Herz Jesu-Verehrung ist von zwei theologischen Prinzipien getragen, so sagen die Enzykliken: von der Reparatio, der Sühne, und der Consecratio, der Weihe. Und diese beiden Prinzipien sind auf den Vollzug der göttlichen Liebe hin zu betrachten.


Reparatio heißt Wiedergutmachung und Wiederherstellung der verlorenen und preisgegebenen Liebe. Die Reparatio richtet sich gegen Krieg und Gewalt, gegen Haß und Feindschaft und damit gegen die Wurzel aller Sünde. Den Haß, den andere gesät haben, versucht sie zu tilgen. Den Krieg, den andere begonnen haben, will sie beenden. Worte und Taten, die Haß und Feindschaft provozieren, kann sie vermeiden. Böses darf nicht mit Bösem vergolten werden, sondern durch Verzeihung und Gesprächsbereitschaft. Durch Unvoreingenommenheit und Kompromißbereitschaft wollen wir für den Frieden eintreten und wiedergutmachen, was zerstört worden ist. Friede ist nicht Abwesenheit des Krieges, sagt Papst Johannes Paul II., sondern Mitarbeit und Erneuerung.


Consecratio heißt überzeugte Hingabe an und aktiver Einsatz für die liebende Verständigung unter den Menschen. Die Consecratio setzt sich konsequent und positiv für die praktizierte Liebe des Verzeihens und Wiedergutmachens ein und fördert Versöhnlichkeit und Wohlwollen, Milde und Konstruktivität. Wenngleich in allen Kontinenten, Ländern, Städten und Familien immer wieder Krieg und Kampf, Streit und Entzweiung vorherrschen, so ist dies kein Grund zur Resignation, sondern ein Aufruf, hingebungsvoll der Liebe zwischen den Menschen und dem Frieden zu dienen. Trotz Gewalt und Rache versucht die Hingabe in uns Wohlwollen und Liebenswürdigkeit zu erwecken und in die Tat umzusetzen.

 

Die Herz Jesu-Verehrung ist in diesem Sinne von einzigartiger sozialer und gesellschaftlicher Brisanz und Aktualität. Sie gehört nicht der Vergangenheit an, sondern sie richtet unseren Blick in die Gegenwart und Zukunft, um auf Christus zu schauen, wie der Heilige Vater in seiner vorjährigen Reise nach Österreich gelehrt hat. Die Herz Jesu-Verehrung fördert unsere Beziehung zum Gottmenschen Jesus Christus und zum Nächsten, sowie das göttliche und wohlwollende Zusammenleben der Menschen untereinander. Die Welt braucht unser Zeugnis gerade heute, sagte Benedikt XVI. am 8. September 2007.


Geleitet von den zwei Grundgedanken der Herz Jesu-Verehrung, Reparatio et Consecratio, Wiedergutmachung und Hingabe, können zwischenmenschliche Beziehungen reifen und gelingen. In der Liebe sind wir unserem Herrn und Erlöser Jesus Christus verpflichtet und in der Liebe wollen wir ihm nachfolgen. Nur die Liebe Gottes, der sich für uns hingegeben hat, ermöglicht uns, frei zu werden und das wahre Leben zu suchen und zu finden, so sagte Papst Benedikt XVI. am 9. September 2007 in Wien.


Und so zitiere ich im Hinblick auf die göttliche Erlöserliebe Christi, die in unsere Herzen einkehren möge, für Euch hier Anwesende und an alle Eure lieben Angehörigen, den innigen Wunsch des Heiligen Vaters und eingedenk seiner Enzyklika  Deus caritas est  den Wahlspruch des Canisianums, der in dieser Linie steht und in die Zukunft weist:  Cor unum et anima una - in Corde Jesu.


Liebe Konviktoren, liebe Schwestern und Brüder, Ihr habt im Canisianum eine lange reiche theologische und spirituelle Tradition. Wenn ich einen persönlichen Wunsch an Euch richten darf, möchte ich auf Petrus Canisius, Euren Patron selbst verweisen, der seinen Mitbrüdern in schwierigen Zeiten zugerufen hat: Perseverate, exercitate artes, benevolete omnes!