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Alle Menschen im Licht Christi sehen

ORF-Radio-Interview zum 75. Geburtstag, in der Sendung Erfüllte Zeit, Ö1, 25. Mai 2008



  1. Exzellenz, warum sind Sie eigentlich Priester geworden?


Obwohl mehr als ein halbes Jahrhundert vergangen ist, erinnere ich mich sehr gut daran, wann und wie ich den Ruf Gottes gehört habe und ihm gefolgt bin. Es war während einer Volksmission in meinem Dorf, nördlich von Byblos, im Libanon. Der Priester sagte zu den jungen Männern in der ersten Reihe: Warum folgt ihr nicht Christus nach und werdet Priester wie ich? Ich kann euch dabei helfen. Sein Wort hat mich getroffen. Ich erzählte sofort meiner Mutter, daß ich Priester werden möchte. Als einzige Antwort sagte sie zu mir: Wenn Du Priester Jesu Christi sein willst, dann Ja, aber werde nicht Priester des Baal (heidnischer Gott der Phönizier, die Vorfahren des libanesischen Volkes). Danach studierte ich im Priesterseminar in Beirut, dann in Paris und in Rom, wo ich ein Doktorat in Biblischer Theologie und im Kirchenrecht absolvierte. Es war die Zeit des Konzils. Ich wollte zurück in den Libanon. Ein Bischof sagte mir: Mein Freund, Kardinal Ottaviani, sucht für das Heilige Offizium einen jungen Priester, der verschiedene Sprachen kann. Ich habe an dich gedacht. Du brauchst nicht nein zu sagen. So bin ich in Rom geblieben, habe dem Konzil gedient, und in der römischen Kurie und Bischofssynode gearbeitet. Im Jahr 1989 bin ich dann Nuntius in Nordafrika (Algerien, Tunesien, Libyen) geworden, später ging ich als Nuntius nach Slowenien und Mazedonien, danach in die Türkei und nach Turkmenistan, und seit 2005 bin ich hier in Wien.


2. Erinnern Sie sich an zwei, drei zentrale Ereignisse in Ihrem Leben als Priester?


Das erste ist meine Priesterweihe in Paris im Jahre 1959. Damals waren die Reiseverbindungen nicht so einfach. Ich hatte niemanden von meiner Familie dabei, meine Mutter war ein Jahr zuvor gestorben. Bei meiner Weihe und während meiner ersten Heiligen Messe in Paris habe ich die Kirche konkret als eine Familie erlebt. Viele Freunde, Studienkameraden und Bekannte sind damals unerwartet zu meiner Primiz gekommen. Als Priester habe ich so von Anfang an gelernt, alle Menschen im Licht Christi zu betrachten und die Katholiken als Mitglieder einer Familie, der Kirche, die besondere Pflichten hat, aber auch viel Freude macht.


Die Ereignisse, die mich wirklich die übernatürliche Dimension der Kirche erleben ließen, waren vor allem in Rom, als ich als Sprecher der arabischen Abteilung von Radio Vatikan arbeitete. Damals konnte ich miterleben, als Herr Adjubei, der Schwiegersohn des sowjetischen Präsidenten Chruschtschow, zu Besuch in den Vatikan kam und eine Begegnung mit Papst Johannes XXIII. stattfand. Es war eine wirkliche Sensation. Nachher habe ich über diesen wichtigen Besuch des Herrn Adjubei und seiner Frau, bei dem zum ersten Mal Beziehungen zwischen dem Heiligen Stuhl und der Sowjetunion geknüpft wurden, im Radio berichtet. Ich bin immer noch froh, diesen Augenblick unter dem Arco delle Campane im Vatikan mitverfolgt zu haben. Auch mein erstes Zusammentreffen mit Papst Johannes XXIII., die Arbeit mit Papst Paul VI. und Johannes PauI II. und jetzt der Besuch des Heiligen Vaters Benedikt XVI. in Österreich waren große Ereignisse in meinem Leben. Sie lassen mich immer beten: Non nobis Domine, non nobis, sed nomini tuo da gloriam &


  1. Was bedeutet für Sie persönlich Ihr Glauben?


Der Glaube ist für mich nicht irgendein Konzept oder eine Ideologie. Er ist das Leben, das zur Wahrheit führt. Der heilige Thomas von Aquin sagt: Fides est adhaesio mentis et veritatis. Papst Benedikt XVI. spricht vom Glauben und der Vernunft, der Glaube muß auch vernünftig sein. Für mich, für die Christen, ist der Glaube der Weg zur Wahrheit, die Christus ist. Christus hat Gott als Vater offenbart und auch, daß Er, Christus, in der Kirche lebt. ER ist Mensch geworden, um den Menschen den Weg zu Gott zu weisen. Er hat, wie Paulus sagt, Hoffnung gegen alle Hoffnungslosigkeit gegeben. Der Glaube ist weiterhin ein Bekenntnis zu Gott. Weil Gott Vater ist, hat unser Glaube die Pflicht, Gott zu bekennen und ihn den Brüdern und Schwestern zu bezeugen. Es braucht Freiheit, um Gott zu suchen und Respekt für die anderen, die nicht glauben können, weil sie nicht die Gabe des Glaubens bekommen haben. Der Glaube ist für mich ein Geschenk oder auch eine Gnade, wie der französische Philosoph Gabriel Marcel sagte:  La foi est grâce. Wenn ich so sagen darf, gibt es in meinem Glauben zwei Dimensionen. Nach oben zu schauen, um Gott zu finden und auf der Erde fest zu arbeiten, um seine Anwesenheit, seine Shekinah unter uns zu erfahren. Der Glaube wird gelebt, nicht nur gedacht!


  1. Gibt es einen Heiligen oder eine andere Persönlichkeit, die für Sie ein Vorbild ist?


Mein Vorbild ist der heilige Paulus, nicht nur weil er die echte Theologie der Kirche entworfen hat und Christus mit Leib und Seele geliebt hat, sondern weil er als Mensch sehr ehrlich war. Er hat alles mit Überzeugung und Vollkommenheit gemacht. Als Christus für ihn nur ein Skandal war, hat er ihn hart verfolgt. Als er Christus schließlich auf dem Weg nach Damaskus begegnet ist, hat er ihn erkannt, geliebt und für ihn gelitten. Er hat sich um die Christen gekümmert und ihre Fehler und Sorgen mitgetragen. Er spricht immer deutlich, und ist sehr aktuell und modern. Sein Stil, seine Sorge um die Kirchen, seine Worte sind zwar einfach, aber tief und voller Bedeutung. Den heiligen Petrus verehre ich auch als einen guten Vater, als einen guten Arbeiter, der sich bis zum Ende für Christus und die Kirche hingegeben hat. Seine demütige Art macht ihn mir so vertraut. Ich meine, daß die Kirche sowohl den Eifer und Elan des Paulus braucht als auch die weise Demut und Treue des Petrus.

Als junger Priester habe ich auch das Konzil erlebt. Lebendig und nachwirkend bleibt in mir die Gestalt Papst Paul VI., des Hohenpriesters, Pontifex Maximus, der mit Liebe die Kirche geleitet hat und sie der Welt wieder als wahre Sponsa Christi vorgestellt hat. Sein Wirken, seine Haltung, sein Gebet, seine Stimme, seine Theologie und seine Spiritualität im Dienst der Kirche haben mich als jungen Priester geprägt und in meinem priesterlichen Dienst immer gestärkt.


5. Wie erleben Sie Österreich? Haben Sie hier eine Heimat gefunden?


Ehrlich gesagt, für uns Christen, ist Österreich ein besonderes Land des Herrn. Gott hat die Erde und die Menschen in Österreich in außerordentlicher Weise gesegnet. Die Natur spricht die Herrlichkeit des Schöpfers aus. Die Menschen hier sind von christlicher Kultur geprägt. Heilige und Kirchenlehrer erzählen uns vom Wirken und von der Liebe des Herrn. Der Nuntius, jeder Nuntius fühlt sich in Österreich zu Hause, wo Klöster und Kirchen, Menschen und Kunst zur Betrachtung und zum Gebet motivieren. Er erlebt seine Mission intensiv als Vertreter des Heiligen Vaters, des Nachfolgers Petri, der seine Brüder im Glauben stärken soll. Deswegen ist es sehr verpflichtend und sehr ermutigend, als Nuntius in Österreich zu dienen. Für mich besonders, einen Sohn des Orients, ist Österreich Symbol und Quell der christlichen Geschichte: die katholische Kirche in Österreich und ihre Theologen, die Geschichte der Monarchie und die vielen politischen Debatten, die Sensibilität für den Nahen Osten und für die Ökumene machen Österreich zu einem Land, das als Katalysator viel Verantwortung trägt. In all diese unterschiedlichen Thematiken habe ich mich gerne hinein vertieft.


Weil ich mich gut in Österreich eingewöhnt habe, fühle ich mich nun tief mit Österreich verbunden,  unus ab omnibus  zu sein. Der Heilige Vater Benedikt XVI. hat beim Ad Limina-Besuch der österreichischen Bischöfe von Schatten und Licht gesprochen. Als er im vergangenen Jahr bei uns war, hat er uns erinnert, daß der Glaube den Charakter dieses Landes und seine Menschen geprägt hat, und dann hat er ermahnt, nicht zuzulassen, daß eines Tages womöglich nur noch die Steine hierzulande vom Christentum reden würden (Hofburg, 7. September 2007). Das ist für uns die moderne Botschaft und unsere Pflicht, unseren jungen Generationen die Botschaft Christi als Liebe, Wahrheit und Leben weiterzugeben. Das heißt, wir müssen mehr von Christus lernen, ihn besser kennenlernen, ihn entdecken, ihm begegnen, ihn lieben als Person, als Heiland und Retter.


Die Welt braucht Christus, und Christus wird der Welt geschenkt. Christus ist Mensch geworden, um die Menschen zu erinnern, daß sie wirklich seine Brüder und Schwestern sind. Wir sind Gottes Söhne und Töchter. Wir heißen Kinder Gottes, und wir sind es, sagt der Apostel Johannes (1Joh 1,3). Ich wünsche der Kirche in Österreich, daß sie ihre spezifische Botschaft im dritten Millennium ernst nimmt, weniger scheu und zurückhaltend ist und Christus mit Mut von den Dächern und in den Medien verkündet. Die Welt braucht Christus, Lumen Gentium, das Licht der Nationen. Europa kann auf einzigartige Weise, vor allem wegen seiner Geschichte und Kultur Christus weitergeben. In Europa bleibt Österreich heute eine Reserve der christlichen Werte und einer Spiritualität mit tiefen Wurzeln. Österreich kann daher viel weitergeben, und man kann Österreich in diesem Bereich auch viel abverlangen.


6. Können die Religionen einen Beitrag zum Frieden im Nahen Osten leisten?


Die Religion ist der Ausdruck von Seiten des Menschen, eine Beziehung mit Gott zu suchen. Die drei monotheistischen Religionen, die im Nahen Osten heute präsent sind, glauben an Gott als den Mächtigen, den Herrscher der Welt. Wenn die Religionen treu sind und ihrem speziellen Ruf folgen, dann tragen sie zum Fortschritt im religiösen und kulturellen Bereich, zum Überwinden der kleinen Schwierigkeiten und Hindernisse, zum besseren gegenseitigen Kennenlernen und schließlich zum Frieden bei. Wenn sie jedoch zu sehr von den Dingen der Welt eingenommen werden, wenn die eigenen, begrenzten Interessen zu sehr den Blick auf den weiten Horizont verstellen, dann können sie keinen Beitrag mehr für den Frieden und den Fortschritt leisten. Der wahre Geist der Religion ist ein Geist, der frei macht und nicht ein Geist, der in die Enge treibt. Und diesen Heiligen Geist, der befreit, wünsche und erbitte ich auch für Österreich.